Demantec: Die Zukunft in Pflegeeinrichtungen

In naher Zukunft werden Seniorenwohnungen mit Technologie gespickt sein, die es dem Pflegepersonal und den Angehörigen erleichtert, demenzkranken Personen nahe zu sein.

Der Forscherpark in Odense gleicht einer kleinen Stadt auf dem Lande. Es ist grün, die Vögel zwitschern und es riecht nach frisch gemähtem Gras. Die frische Luft ist ein angenehmer Kontrast zur Stadt, welche nur ein paar hundert Meter entfernt ist.

Es ist fast nicht vorstellbar, dass hier im Forscherpark einige von Dänemarks klügsten Köpfen aus dem Bereich der Wohlfahrts- und Robotertechnologie arbeiten. 500 Mitarbeiter kommen täglich auf das 10.000 Quadratmeter große Gelände, auf welchem sich 60 Unternehmen, Institutionen und Zentren befinden.

In einem der unauffälligen Gebäude werde ich von der hellen, modernen Einrichtung und der guten Stimmung überrascht. Ich bin bei Welfare Tech, einem der ganz großen Innovationsmotoren, der Dänemarks Wohlfahrtsentwicklung vorantreibt.

Das Internet der Dinge

Mette Thiel und Jakob Paulsen heißen mich willkommen und erzählen darüber, wie das Interreg-Projekt Demantec zu einer grundlegenden Veränderung in der Behandlung Demenzkranker führen wird.

„Wir stehen vor einem gewaltigen Umbruch”, leitet Mette ein, die mir deutlich macht, dass wir die Behandlung von Demenzkranken nicht auf die heutige Art und Weise fortsetzen können.  „84.000 Dänen sind derzeit von Demenz betroffen und die Anzahl steigt konstant. Forscher haben herausgefunden, dass sich die Anzahl bis 2050 verdreifachen wird. Das bedeutet, dass wir Lösungen brauchen, die das Gesundheitssystem entlasten und gleichzeitig muss das Pflegeangebot an die Bedürfnisse Demenzkranker angepasst werden.“

„Wir sind in einer Situation, wo die Angehörigen von Demenzkranken einer großen Belastung ausgesetzt sind“, ergänzt Jakob. „Es nimmt sehr viele Ressourcen in Anspruch, Angehöriger eines Demenzkranken zu sein. Und unter anderem in diesem Punkt macht Demantec  wirklich einen  Unterschied. Wir werden die Seniorenwohnung der Zukunft schaffen, die gespickt ist mit Technologie, welche es den Angehörigen  ermöglichen wird zu wissen, dass es ihrem dementen Vater oder ihrer dementen Mutter gut geht – und dass sie nicht in Schwierigkeiten stecken.“

Demantecs Bild der Seniorenwohnung der Zukunft lässt an den Modebegriff vom Internet der Dinge denken, der beinhaltet, dass in Zukunft nahezu alle Gegenstände über das Internet miteinander kommunizieren können. Und warum sollte es nicht möglich sein zu erfahren, wo der einzig freie Parkplatz in der Nähe ist? Hat man wirklich den Herd abgestellt und die Tür abgeschlossen – oder ist man nur ein bisschen neurotisch? Diese Alltagsfragen löst das Internet der Dinge.

Das Problem mit den hochmodernen IT-Lösungen ist aber, dass die Technologieentwicklung in Wellen voran geht, und dass es äußerst unglücklich und teuer werden kann, wenn man heute in die neuesten Produkte  investiert, die sich morgen schon als veraltet erweisen.

Aber Demantec wird grenzübergreifend ausgereifte Technologien von bereits existierenden Produkten nutzen, diese testen und in Lösungen implementieren, die sich speziell an Demenzkranke, deren Angehörige und deren Pflegepersonal richten.  Federführend für diese Entwicklungen ist der deutsche Leadpartner des Projekts, die Hochschule Flensburg,  renommierte Spezialisten aus der Demenzforschung beschäftigt. Damit wird ein starkes wissenschaftliches Fundament mit robuster und praxistauglicher Ausrüstung kombiniert.

Dr. Bosco Lehr ist Professor an der Hochschule Flensburg und Leiter von Demantec. Kompakt und präzise erklärt er mir die Vorhaben vom Interreg-Projekt:

„Ziel ist es nach einer ausführlichen Analyse im Projekt den  Einsatz von innovativen eHealth Technologien für Patienten, Pflegekräfte und Angehörige  zu ermöglichen. Erfahrungen aus verschiedenen Disziplinen werden ebenfalls mit in das Projekt einfließen. Eine besondere Bedeutung spielt hierbei das Deutsch-Dänische eHealth Innovation Center an der Hochschule Flensburg in dem die Szenarien mit Partnern beidseits der Grenze erprobt werden. Zum Ende der Projektlaufzeit werden mit dem University College Sealand Weiterbildungsmöglichkeiten für die Pflegenden im Bereich Demenz entwickelt.“

Ein grundlegender Paradigmenwechsel

Eine Zukunft ohne Pflegepersonal und wo die Roboter die Organisation des Alltags der Älteren übernommen haben, wirkt auf mich erschreckend. Doch Jakob beruhigt mich: „Die Technologie soll nicht die Menschen und die Fürsorge der Pflegenden ersetzen. Auf lange Sicht soll die Technologie den Verbrauch von Medikamenten reduzieren. Schon jetzt werden manchmal Medikamente eingesetzt, weil wir nicht die richtigen Rahmenbedingungen und Umgebungen für Demenzkranke geschaffen haben, die das Pflegepersonal entlasten, wie z.B. die „Wellnesswohnungen“.

„Es geht nicht darum, entweder Pflegepersonal oder einen Roboter einzusetzen“, ergänzt Mette. „Das Ziel der Nutzung der Technologie im Pflegesektor ist ein besseres Leben. Ein besseres Leben für die Älteren, eine bessere Nutzung der menschlichen und fachlichen Kompetenzen des Pflegepersonals. Und bessere Möglichkeiten für die Angehörigen, den dementen Personen zu helfen.“

Mette und Jakob von Welfare Tech haben mich davon überzeugt, dass es zu einem großen Paradigmenwechsel im Pflegesektor kommen wird. Aber es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie die Behandlung von Älteren mit Demenz in der Zukunft aussehen wird. Kommen wir zu einem Kompromiss in Bezug auf unseren Wunsch, uns nicht überwachen zu lassen? Wie werden die Pflegeroboter der Zukunft aussehen? Welche Sicherheitsrisiken sind damit verbunden, dass alle Einrichtungsgegenstände und Apparate mit dem Internet verbunden sind? Was bedeutet es für die Angehörigen, den Zustand ihrer dementen Eltern die ganze Zeit verfolgen zu können?

Diese Fragen können zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden. Aber der Pflegesektor wird sich verändern.

Professor Dr. Thomas Severin von der Hochschule Flensburg macht mir bewusst, dass wir in für die Zukunft neue Lösungen dringend benötigen:

„Aufgrund des demographischen Wandels und der knappen finanziellen Ressourcen im Alter werden sich Alternativen zu den klassischen Pflegeheimen herauskristallisieren müssen. Die Verlagerung der Betreuung Demenzkranker auf die Angehörigen wird nicht das Allheilmittel sein, da die Betreuenden letztendlich auch für ihr Alter vorsorgen müssen. Hier könnten vernetzte Sensortechniken kombiniert mit professionellen Betreuungsformen, z.B. in größeren Wohneinheiten, Lösungen versprechen.“

Ich denke, dass die Zusammenarbeit zwischen den Partnern von Demantec ist mutig und neue Wege geht, um genau die richtigen Lösungen für die Demenzkranken, die Pflegenden und die Angehörigen zu finden. Lösungen, die genau die existierenden gesellschaftlichen Herausforderungen in Betracht ziehen.

Demantec hat ein enormes Potenzial. Dadurch, dass sie sich der Herausforderung stellt, den Pflegebereich auf viele weitere Demenzkranke vorzubereiten, kann die Programmregion zu einer Vorreiterregion in diesem Themenbereich werden, die Lösungen zum Wohl der Menschen an vielen verschiedenen Orten schafft. Darüber hinaus werden die vielen Wohlfahrtsunternehmen in der Region die Chance nutzen können, um sich als neue, einflussreiche Player auf dem Weltmarkt zu etablieren.

Und der menschliche Aspekt wird dabei nicht vergessen. Die Aufrechterhaltung der persönlichen Pflege und der Würde des einzelnen Demenzkranken ist ein lobenswerter Ansatz und guter Ausgangspunkt für die Innovationen, die Demantec in den kommenden drei Jahren hervorbringen wird.

Ein Beitrag von Jeppe Pers, Kommunikationsverantwortlicher – Interreg Deutschland-Danmark.

Welfare Tech, die Partner im Interreg-Projekt DEMANTEC sind, ist eine Clusterorganisation, die sich darauf spezialisiert hat, Innovationen und Netzwerke im Gesundheitsbereich durch die Zusammenarbeit zwischen privaten Unternehmen und öffentlichen Organisationen zu schaffen.

Mehr Informationen über das Projekt Demantec finden Sie hier.